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Wie umgehen mit den Protestlern von der St. Pauls-Kathedrale in London? Die anglikanische Kirche ist in dieser Frage tief gespalten. Einige wollen das Camp räumen lassen, andere sympathisieren mit den Demonstranten - und sehen eine Chance für ihre Kirche.
Von Barbara Wesel, ARD-Hörfunkstudio London
Es ist rund drei Wochen her, dass sich die Antikapitalismus-Protestierer mit ihrem Camp zu Füßen der historischen St. Pauls Kathedrale niederließen. Seither benehmen sie sich ordentlich - hier im Schatten der Kirche. Es wird nicht getrunken und gesungen, der Müll wird weggeräumt und die 200 bunten Zelte stehen in aufgeräumten Reihen.
Sprecherin Lucy meint zu der friedlichen Kirchplatzbesetzung, dies sei eine historische Chance für die Kirche, sich hinter diesen Protest zu stellen und zu sagen: "Wir brauchen Wandel, weil dieses unhaltbare Finanzsystem wenige privilegiert und viele bestraft." Auf einem Plakat fragen die Protestler: "Was würde Jesus tun?"
Morgens und abends passieren die Männer in den blauen Anzügen auf dem Weg in die Börse und die umliegenden Brokerhäuser das Protestcamp. Die Demonstranten berichten, dass ihnen täglich rund 1000 Pfund an Spenden zugesteckt werden.
[Bildunterschrift: Dekan Knowles trat wegen des Streits um das Protest-Camp zurück ]
Hinter den Kulissen der Kathedrale aber begann es schon in der ersten Woche zu brodeln. Denn einige sahen die historische Chance, sich an der Diskussion über die Probleme des Gesellschaftssystems zu beteiligen - andere nicht. Schon nach Tagen trat der erste Domherr zurück, weil er die Duldung der Proteste versprochen hatte.
Der Dekan von St. Pauls dagegen steuerte einen harten Kurs, er schloss die Kirche nach einer Woche für Besucher - angeblich aus Sicherheitsgründen. Dann wurde laut geklagt, dem Gotteshaus fehlten die Einnahmen von den Touristen. Dekan Graeme Knowles ließ sich wohl von der City of London Corporation unter Druck setzen. Das ist eine mehrere Jahrhunderte alte unabhängige Behörde, die den Bankendistrikt verwaltet. Dort herrschen die Banker. Und sie drangen auf Räumung des Protestlagers durch die Polizei.
Der Streit in den Reihen der Kirche aber wurde so heftig, dass Dekan Knowles in dieser Woche das Handtuch warf. "Die letzten zwei Wochen waren eine schwierige Zeit für das Domkapitel und mich persönlich", erklärte er. "Mir wurde zunehmend klar, als die Kritik gegen die Kirche anschwoll, dass meine Position als Dekan von St. Pauls unhaltbar wurde."
Der Bischof von London, Richard Chartes, übernahm in St. Pauls das Zepter und es gab eine totale politische Kehrtwende - die Räumung wurde abgesetzt. Unmöglich könne die Kirche Polizeigewalt gegen friedliche Demonstranten unterstützen, hieß es nun. "Wir sind alle sehr schockiert", erklärte Chartes, "weil der Dekan ein guter Mann ist. Aber die Art seines Abgangs hat uns eine neue Möglichkeit gegeben."
Nämlich die Möglichkeit, mit den Protestierern zu diskutieren und über einen längerfristigen friedlichen Abzug zu verhandeln. Inzwischen hat auch die City of London den Räumungsantrag zurückgezogen, man will wohl nicht die hässlichen Fernsehbilder verantworten, die durch so eine Räumung entstehen, nur um den Seelenfrieden der Fat Cats, der reichen Banker auf ihrem Arbeitsweg, zu schützen.
[Bildunterschrift: Protestler vor der St. Pauls-Kathedrale in London ]Inzwischen hat die Kirche Ken Kosta gewonnen, auch God`s Banker genannt. Er war früher Vorstand bei der Schweizer UBS und dem Investmenthaus Lazard. Er soll einen Dialog mit den Protestlern führen. Kosta gehört zu den Wenigen, die eine Ethik ins Bankgeschäft zurückbringen wollen.
Der Kopf der anglikanischen Kirche, Bischof Rowan Williams, der schon öfter durch Kapitalismuskritik von sich reden gemacht hat, sieht in der Krise in seiner Kirche indes auch Chancen: "Die Proteste haben das Bewusstsein für das geschärft, was nicht zu Ende gebracht wurde zwischen Regierung und Banken, dass es ein Bedürfnis für die Schaffung eines gerechteren und rationaleren Systems gibt." Und dazu gehört seiner Meinung nach auch eine Bankensteuer. Dieses Bedürfnis sieht Williams ohne Zweifel auch bei vielen seiner Gläubigen.
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