
Baden-Württemberg Mannheim nach der Amokfahrt: Seelsorge und Aufarbeitung
Nach der Amokfahrt in Mannheim sind viele Menschen traumatisiert. Notfallseelsorger helfen ihnen bei der Bewältigung. Aber: Können auch Angehörige Hilfe leisten?
Am Rosenmontag ist ein vermutlich psychisch kranker Mann mit seinem Auto durch die Mannheimer Fußgängerzone gerast. Zwei Menschen starben, 14 wurden verletzt, einige davon schwer. Hunderte von Menschen, die in diesem Moment in der Mannheimer Fußgängerzone - den Planken - unterwegs waren oder in den umliegenden Geschäften und Lokalen gearbeitet haben, mussten sich und andere in Sicherheit bringen. Viele Menschen hat das traumatisiert. Für sie ist es wichtig, über das Erlebte zu sprechen, sagen die ehrenamtlichen Helfer der Notfallseelsorge Mannheim. Sie sind noch bis Sonntag in Mannheim vor Ort. Das Angebot wurde verlängert, teilte die Stadt Mannheim am Freitag mit.
Redebedarf ist groß
Ulrich Nellen und sein Notfallseelsorge-Team reden seit der Amokfahrt täglich mit Augenzeugen. Der Bedarf sei groß.
Manche wollen einfach nur, dass wir bei ihnen sitzen und mit ihnen schweigen. [..] Aber wenn sie signalisieren, sie wollen reden, dann könne sie es auch. Ulrich Nellen, evangelischer Koordinator der Notfallseelsorge Mannheim
Schon am Tag des tödlichen Vorfalls waren nach Angaben der Stadt bereits 55 Seelsorger aus Mannheim, Karlsruhe, Ludwigshafen, Heilbronn, dem Rhein-Neckar-Kreis und dem Neckar-Odenwald-Kreis im Einsatz. Am Plankenkopf gegenüber des Wasserturms wurde am Dienstag eine zentrale Anlaufstelle mit einem Container der Feuerwehr und einer Sitzgelegenheit eingerichtet - und zusätzlich eine weitere Anlaufstelle am Paradeplatz. Außerdem gehen die Helfer permanent durch die Fußgängerzone, um zu signalisieren, dass man sich an sie wenden kann. Mit ihren blau-violetten Jacken sind sie gut zu erkennen.

Anlaufstelle der Notfallseelsorge Mannheim am Plankenkopf.
Notfallseelsorge: fast 400 Gespräche in vier Tagen
Vor allem dort wo Kerzen angezündet und Blumen zum Gedenken niedergelegt werden, gibt es immer wieder spontane Gespräche und oftmals auch Tränen. Bis Freitag waren täglich bis zu acht ehrenamtliche Seelsorger aus der Region vor Ort.
Fast 400 Menschen haben das Angebot bereits angenommen, manche auch mehrfach, denn oftmals könnten oder wollten die Betroffenen nicht mit Freunden und Familie sprechen - auch, um sie nicht auch noch zu belasten. Für Betroffene sei es manchmal einfacher, anonym über ihre Erlebnisse zu sprechen, so der Koordinator der Notfallseelsorge.
Mannheimer Notfallseelsorge: katholisch, muslimisch und evangelische Seelsorger
Die Notfallseelsorge besteht aus evangelischen, katholischen und muslimischen Seelsorgerinnen und Seelsorgern aus der ganzen Metropolregion. Sie sind geschult und merken, wenn Menschen Redebedarf haben und angesprochen werden wollen, so Ulrich Nellen. In manchen Fällen sogar bevor es die Betroffenen selbst wissen.
Die Menschen, die am leisesten irgendwo in der Ecke sitzen, sind oft diejenigen, die am meisten Hilfe brauchen. Ulrich Nellen, evangelischer Koordinator der Notfallseelsorge Mannheim
In solchen Fällen sprechen sie auch Menschen gezielt an. Nicht alle Betroffenen finden oder suchen den Weg zu der Notfallseelsorge.

Im Mannheimer Rathaus liegt ein Kondolenzbuch aus.
Wie kann man Betroffenen helfen?
Aber wie geht es weiter, wenn das Angebot am Sonntag endet? Notfallseelsorger Stefan Kraus rät den Angehörigen von Betroffenen, sich Zeit zu nehmen. Man solle sich mit Ratschlägen zurückhalten und einfach zuhören. Traumatische Erlebnisse von der Seele reden könne helfen. Wenn das nicht ausreiche, müsse man sich weitere Unterstützung suchen, zum Beispiel bei den Experten der Opfer-Hilfe Baden-Württemberg.
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Hilfsangebote für Betroffene und Augenzeugen
Betroffene und Augenzeugen können sich an die Hotline des Opferbeauftragten der Landesregierung (Alexander Schwarz) wenden: 0800 000 7556. Auch die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar: 0800 111 0 111.
Der Gesundheitstreffpunkt Mannheim steht ebenfalls als Ansprechpartner zur Verfügung. Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es noch keine eigene Selbsthilfegruppe für Betroffene. Das Angebot des Gesundheitstreffpunkts orientiere sich aber am Bedarf und könne bei hoher Nachfrage eine solche Gruppe einrichten, so die Geschäftsführerin Kerstin Gieser.
Sendung am Fr., 7.3.2025 7:30 Uhr, SWR4 Regionalnachrichten