Unions Niederlage in der Nachbetrachtung - Zeit für große Fragen

So 26.01.25 | 21:23 Uhr
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Unions Tom Rothe grämt sich (imago images/Matthias Koch)
Video: ARD Sportschau | 27.01.2025 | Patrick Halatsch | Bild: imago images/Matthias Koch

Union Berlin verliert auf St. Pauli auch das sechste Bundesliga-Auswärtsspiel in Folge. Bedenklicher scheinen aber die grundsätzlichen Probleme, die diese Niederlage zu Tage fördert. Von Ilja Behnisch

Ist natürlich eine Typ-Frage, aber man konnte den Spielern des 1. FC Union Berlin während und nach dem 0:3 beim FC St. Pauli schon auch dankbar sein. Denn so überschaubar die Leistung der Mannschaft war, so sehr ließ sie Raum für große Fragen. Zum Beispiel: Warum klebt Alleskleber alles aber nicht am Inneren der Tube fest? Wenn Superman so super ist, warum ist er dann nicht auch super lustig? Und: Wer soll beim 1. FC Union Berlin eigentlich die Tore schießen?

"Gefühlt hätten wir noch eine Stunde spielen können, ohne ein Tor zu schießen", sagte Steffen Baumgart nach dem Spiel dann auch und wer wäre man, einem Bundesliga-Trainer zu widersprechen? Wobei man gern noch erfahren hätte, wie er denn ein Tor hätte erzielen wollen. So grundsätzlich. Denn wirklich ersichtlich war der offensive Ansatz der Berliner nicht geworden beim Gastspiel in Hamburg.

Was nützt die Liebe in Gedanken?

Nun ist ja bekannt, dass Baumgart seine Teams gern über die Außen angreifen lässt, damit es von dort dann Flanken regnet, die ein Zielspieler wie Unions Jordan anschließend einzuschädeln hat. Um an dieser Stelle nicht auszuufern und vor allem um die mittlerweile bereits in Gedanken lähmende Diskussion über Dreierkette (passt zum Kader) oder Viererkette (passt zu Baumgarts Idee) nicht erneut zu bemühen, sei verkürzt notiert: Das mit den Flanken klappte nicht so recht auf St. Pauli. 16 waren es in 90 plus vier Minuten. Sieben kamen an. Gefährlich war keine einzige.

Auch das führte dazu, dass für Stürmer Jordan - sie erinnern sich, der, der einschädeln soll - nach Ende der ersten Halbzeit folgender Arbeitsnachweis notiert worden war: Zwölf Ballkontakte, null Toraktionen. Wobei man sich schon fragen durfte, wann diese zwölf Ballkontakte denn bitte passiert sein sollen. Und trotzdem gab es ihn, den großen Moment des US-Amerikaners. Kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit.

Das Jordan-Problem

Als Jordan - bezeichnenderweise nicht nach einer Flanke - die große Chance zum Ausgleich hatte, aber gefühlt eine Sekunde zu lange zögerte mit seinem Abschluss. Es war, als ginge ihm die ganze Welt zugleich durch den Kopf. Wie stehe ich zur erneuten Amtseinführung von Donald Trump? Mag ich Pastinaken? Und wie lange genau habe ich eigentlich kein Bundesligator mehr geschossen? 337 Tage, lautet die Antwort. Am 24. Februar, als Leih-Spieler in Diensten von Borussia Mönchengladbach und zum mittelmäßig wichtigen 4:1 gegen den VfL Bochum (Endstand 5:2).

Jordan ist kein schlechter Stürmer und bringt vieles mit, was es bräuchte für das Spiel von Union, für das Spiel von Steffen Baumgart - vielleicht sogar für das Spiel von Steffen Baumgart und Union. Aber ob es nun Pech ist oder seelischer Ballast, am Ende fällt einem angesichts der anhaltenden Torlosigkeit Jordans ein deutscher Filmtitel aus dem Jahr 2004 ein: "Was nützt die Liebe in Gedanken?"

Unions Offensiv-Plan: Benedict Hollerbach

Weshalb sich beim Spiel auf St. Pauli einmal mehr zeigte, was sich schon viel zu oft gezeigt hatte in dieser Saison, denn fern jeder Theorie heißt der praktische Offensiv-Plan Unions ganz schlicht und einfach: Benedict Hollerbach.

Und man könnte ja wunderbar ins Schwärmen geraten über diesen 1,81 Meter großen Wuschelkopf, der auf dem Platz eher kleiner wirkt, dafür aber auch, als wäre er überall zugleich. Man könnte darüber schwärmen, wie er unermüdlich die Gegner stresst und anläuft, wie famos er diesen kantigen Körper in andere Körper stellt, um an den Ball zu kommen. Wie auffällig häufig er dann auch tatsächlich an den Ball kommt. Wie gestenreich er jede Aktion lebt. Wie er sich pusht, seine Mitspieler pusht. Kurzum: Wie dieser Benedict Hollerbach alles richtig macht, was nichts mit Talent zu tun hat.

Denn das ist ein großes Problem für den 1. FC Union Berlin: Dem einzigen offensiven Lebenszeichen dieser Mannschaft ist noch immer anzusehen, dass es im Sommer 2023 aus der dritten Liga nach Berlin wechselte.

Viel zu viel Stückwerk

Nun ist die offensive Begrenzung nicht das einzige Problem dieser Mannschaft. Die Abwehr lässt Lücken, wo in den ersten Bundesliga-Jahren Betonpfeiler verankert schienen. Das defensive Mittelfeld hatte auch gegen St. Pauli momentweise weniger Zugriff als Teenager-Eltern auf ihren Nachwuchs. Torhüter Schwolow sah beim zweiten Gegentor gar nicht und beim dritten Gegentor nicht sonderlich gut aus. Und zu allem Überfluss begann die Mannschaft sich Mitte der zweiten Halbzeit wieder in Stückwerk zu verzetteln.

Das heißt nicht, dass sie es nicht versucht hätte. Das schon. Doch dieses alte Union-Gefühl aus seligen Urs-Fischer-Tagen, dieses Gefühl, einer Mannschaft zuzusehen, die auch bei 0:3-Rückstand (als wenn das jemals vorgekommen wäre) und in der 89. Minuten noch geschlossen und unvermittelt selbstgewiss über den eigenen Angang an einen Erfolg glaubt - dieses Gefühl ist lang vergangen.

Aber es gibt auch gute Nachrichten. Zum Beispiel die, dass Union-Spiele neuerdings Raum für große Fragen lassen. Wie zum Beispiel diese: Kann es wirklich sein, dass Union allein deshalb nicht absteigt, weil es noch viel schlechtere Mannschaften gibt?

Sendung: rbb24, 26.01.2025, 22:15 Uhr

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19 Kommentare

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  1. 19.

    Eine Frage, welche Art Fußball man sehen möchte. Mir gefällt die Qualität der 1. Liga mehr. Da ist mehr Spielwitz und Geschwindigkeit und mehr Taktik. Aber ja, die 2. Liga ist kampfbetonter, weil die Qualität fehlt. Je nach Gusto. Eine gute Alternative ist z.B. die 1. englische Liga, die kann beides ;-) Überhaupt zeigen sich die Qualitätsunterschiede so Richtung bei den Spitzenmannschaften.

  2. 18.

    Jetzt ist hoffentlich auch dem letzten klar das der Abstieg droht. Ich würde mich jedenfalls nicht mehr darauf verlassen , das vermeintlich schwächere Teams weiterhin im Tabellenkeller verharren. Dem 1.FC Union ist dringend zu raten, den Kader zu hinterfragen bzw. die Art und Weise der Spielstrategie an die Qualität des vorhandenen Kaders anzupassen. Was hier am Sonntag gegen Sankt Pauli abgeliefert wurde muss jedenfalls sämtliche Alarmklingeln ertönen lassen. Ich

  3. 17.

    Sie sollten sich mal die 2.Liga angucken. Dort sind interessanterweise die Spiele oft kämpferischer und spannender als in der 1. Liga.

  4. 16.

    Das Spiel gegen Mainz hat gezeigt, daß Union immer noch für Überraschungen gut ist und auch RB sollte mal nicht allzu lässig anreisen.

  5. 15.

    Mmh, Kiel zeigt aufstrebende Tendenz, der FCU eher das Gegenteil. Kiel gewinnt in Berlin wenn das so weiter geht. Weiß nicht, gegen Union noch gewinnen will.

  6. 14.

    Die Schwierigkeiten ging weit vor dem Bochum-Spiel los. Nämlich beim verlorenen Pokalspiel in Bielefeld.

  7. 13.

    Die Eisernen sind hervorragend in die Saison gestartet (10.Spieltag 16 Punkte - Platz 6) und das wird ihnen wohl die Liga retten, denn sie zehren immer noch davon.

    Warum jetzt der Wurm drin ist und ob das Bochumspiel zusätzlich mitwirkt kann die Sportpsychologieabteilung gründlicher erforschen.

  8. 12.

    Union spielt seit Jahren so, dass es den Marktwert von Urs Fischer ständig steigert. Erst durch Arbeitsnachweis. Dann durch Unterstreichen, was man aus so einem Verein rausholen kann. Die letzte Frage ist natürlich noch nicht zu beantworten. Aber ich würde mich nicht auf die Qualität der anderen verlassen. Erwischt mal ein Team einen guten Tag - die Saison ist noch lang - ist es schnell vorbei. Apropos Marktwert. Inion bestätigt derzeit auch den Ruf des aktuellen Trainers, oder?

  9. 11.

    So ein Durcheinander vorne und hinten sieht man selten. Ich Frage mich auch - was macht Horst Held (außer FC U vor DFB Gericht zu vertreten) ? Es ist keine Mannschaft zu erkennen und Jordan (tut mir leid eine Schlafmütze, eher ein Leichtathlet, Langläufer) bricht alle Rekorde und wird immer aufgestellt ! Es ist schlimm nur zu glauben, dass andere Klubs schlechter sind. Die Störche kommen am 1. März nach Berlin und werden kämpfen.

  10. 10.

    Energie arbeitet daran, in die 2. Liga zu kommen. Union auch.

  11. 9.

    Das wird ein Kampf gegen den Abstieg. Aber ja, allenfalls Relegation, denn zwei Mannschaften sind definitiv schlechter als der FCU. Fazit, Union mogelt sich diese Saison durch und gewinnt die Relegation.

  12. 8.

    Was macht eigentlich Horst Heldt den ganzen Tag? Man sieht doch, daß der vorhandene Kader so nicht konkurrenzfähig ist?

  13. 7.

    Nur Liebe für diesen Text. Danke!

  14. 6.

    Urlaub ist vorbei, der Fahrstuhl geht rasant abwärts, geradewegs in Liga drei. Liga zwei ist nur Zwischenstation. Ich kann bei dieser Mannschaft nichts sehen, was sie befähigt in Liga eins bzw. zwei zu spielen. Mit der Einstellung von Baumgart hat sich Zingler über den Tisch ziehen lassen. In welcher Liga spielen eigentlich die Mannschaften in denen Heldt Manager gewesen ist? Nur gut das man diese Typen nicht mehr lange ertragen muss. Quo Vadis Union?

  15. 5.

    Vielleicht ist die zweite Liga doch besser. In der ersten Liga erwarte ich einen anderen Fußball als wie Union und andere Mannschaften dort präsentieren!!!!

  16. 4.

    baumgart hat bestimmt auch eine wohnung in hamburg.
    in köpenick brauch den schauspieler niemand. wieder ein griff ins klo

  17. 3.

    Union, noch 15 Spiele bis zur 3. Liga. Gehen Sie nicht über Relegation, gehen Sie direkt dorthin.

  18. 2.

    "Kann es wirklich sein, dass Union allein deshalb nicht absteigt, weil es noch viel schlechtere Mannschaften gibt?" Natürlich, eindeutig ja.

    Selbst wenn das Niveau der 3 Tabellenletzten leicht ansteigt, brauchen die Köpenicker für den Klassenerhalt nur noch 3 - 4 Siege aus den verbleibenden 15 Spielen, denn sie haben ja aktuell satte 6 Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz und Heidenheim bringt es in 19 Spielen auf nur 4 Siege, Kiel auf 3, Bochum bereinigt auch nur auf 3.

  19. 1.

    Sehr gut geschriebener Artikel. Herrlich sarkastisch fasst er das Wesentliche zusammen.

    Wir waren vor Ort und dieses chaotisch selbstzersetzende Durcheinander, einer quasi nicht vorhandenen Mannschaft, scheint mir nicht mal Zweitliga tauglich.