
Rheinland-Pfalz Baden-Württemberg BW-Gesundheitsminister zu Corona: "Würden heute sofort Sonderstab für Kinder und Jugendliche einrichten"
Wie hat die Corona-Pandemie die Gesellschaft verändert? Fünf Jahre nach dem ersten Covid-19-Fall in Deutschland haben politisch Verantwortliche und Betroffene im SWR auf die Corona-Zeit zurückgeblickt.
Fünf Jahre nach dem ersten Corona-Fall in Deutschland haben die Gesundheitsminister von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz im SWR zusammen mit Betroffenen und Experten auf die Pandemie zurückgeblickt. "Wenn wir so etwas wieder am Horizont hätten, wir würden sofort einen Sonderstab für Kinder und Jugendliche einrichten", sagte BW-Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) mit Blick auf mögliche künftige Krisen dieser Art. Sein Amtskollege in Rheinland-Pfalz, Clemens Hoch (SPD), betonte, die Maßnahmen hätten zu häufig die Jüngsten getroffen. "In der Summe war das ein Paket zu viel für die Kinder."
Fünf Jahre nach dem ersten Covid-19-Fall in Deutschland ging der SWR am Donnerstagabend in einer 90-minütigen "Zur Sache! Extra"-Sendung der Frage nach, wie die Corona-Pandemie die Gesellschaft verändert hat:
"Zur Sache! Extra": Fünf Jahre Corona - was bleibt?
BW-Gesundheitsminister: "Schulen in Summe nicht so lange geschlossen"
Mit Blick auf die Anti-Corona-Maßnahmen wie Lockdowns und Schulschließungen forderte Lucha aber dazu auf, sich noch einmal in die Situation von damals hineinzuversetzen: Angesichts einer Pandemie diesen Ausmaßes habe man die Mobilität aller einschränken müssen. "In Summe waren meines Erachtens die Schulen gar nicht so lange geschlossen", so Lucha weiter. Aber: Die Routinen des Erwachsenwerdens seien damals weggefallen - und erst später habe man erkannt, wie wichtig diese Routinen für Kinder und Jugendliche sind. "Ich glaube, dass wir alle nicht auf dem Schirm hatten, welche Rolle das spielt", so Lucha.
Sein Amtskollege aus Rheinland-Pfalz wies darauf hin, dass die Kontaktbeschränkungen zu Beginn der Pandemie auf große Akzeptanz getroffen seien. In der Folge habe sich jedoch gezeigt, dass es einfacher war, alles zuzumachen, als nach und nach wieder zu öffnen - und im Zuge dessen Ungleichheiten zu produzieren, so Hoch. Mit Blick auf Kinder und Jugendliche sagte er, diese hätten sofort zu Anfang unter Maßnahmen wie Schulschließungen zu leiden gehabt, dann aber zuletzt von Öffnungen profitiert, als ältere Geimpfte längst wieder mehr Freiheiten genießen konnten. So habe es immer die Kinder getroffen.
Sabine Maur, Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz und Vorstand der Bundespsychotherapeutenkammer, berichtete von einer Zunahme von Angststörungen und Depressionen bei Kindern und im jungen Erwachsenenalter. Mittlerweile seien die Zahlen zwar zurückgegangen, aber sie seien noch immer nicht auf dem Stand von vor der Pandemie.
Pandemie-Folgen: Was tun für Long-Covid- und Post-Covid-Betroffene?
Auch andere gesundheitliche Folgen der Pandemie wie Long Covid, Post Covid und das Post-Vac-Syndrom waren Thema in der Diskussion. So berichtete Long-Covid-Betroffene Suzana Nikaj aus Baden-Württemberg von ihrem Leben mit der Krankheit. Sie fragte an Lucha und Hoch gewandt, was die Politik für Geschädigte wie sie tun werde. Lucha erklärte, Baden-Württemberg habe Sonderprogramme aufgelegt, um Erforschung, Behandlung und Aufklärung zu verbessern. Auch RLP-Gesundheitsminister Hoch betonte, dass Rheinland-Pfalz als eines von wenigen Bundesländern den niedergelassenen Bereich unterstützt habe.
In Rheinland-Pfalz gibt es fünf Post-Covid-Ambulanzen, die vom Land gefördert werden. Aufgrund der hohen Nachfrage müssen Patientinnen und Patienten aber häufig mehrere Monate auf einen Termin warten. Das Land Baden-Württemberg hat in der Vergangenheit etwa die vier Universitätskliniken finanziell unterstützt, um Behandlungsmöglichkeiten zu erforschen und Spezialambulanzen aufzubauen. Betroffene kritisieren laut Umfragen häufig, dass Mitarbeitende von Krankenkassen, Ärztinnen und Ärzte sowie Behörden nicht ausreichend über das Krankheitsbild informiert seien oder die Beschwerden nicht ernst nähmen.
Impfschäden und Post-Vac-Syndrom: Nur wenige anerkannte Fällte
Was die Anerkennung von Impfschäden angeht, verwiesen beide Politiker darauf, wie schwierig es sei, einen eindeutigen Zusammenhang von Beschwerden und Impfung nachzuweisen. In Baden-Württemberg haben bis Ende 2024 insgesamt 1.409 Personen Antrag auf Anerkennung eines Impfschadens nach einer Corona-Impfung gestellt. In diesem Zeitraum seien Impfschäden in 65 Fällen anerkannt worden, so Lucha. 730 seien abgelehnt worden. 501 Fälle seien noch nicht entschieden. Lucha wiederholte aber mehrfach: Ohne die massenhaften Impfungen gegen das Coronavirus hätte es die Trendwende in der Pandemie nicht gegeben. In Summe hätten die Impfungen viel mehr Menschen genützt als geschadet.
In Rheinland-Pfalz wurden bislang 17 Fälle von Impfschäden staatlich anerkannt. Auf diese niedrige Zahl angesprochen, sagte Gesundheitsminister Hoch: "Wir lassen die Menschen nicht hängen." Doch um eine gründliche Überprüfung jedes Einzelfalls komme man nicht herum, auch wenn es Anspruch auf möglicherweise lebenslange Opferentschädigungen gehe.
Sendung am Do., 27.3.2025 20:15 Uhr, Zur Sache Baden-Württemberg, SWR